In den letzten Jahren sind zahlreiche Filmlexika veröffentlicht worden, die sich ausschliesslich mit dem Horrorfach beschäftigen. Natürlich kann man sich jedes dieser mehr oder weniger umfangreichen Werke ins heimische Bücherregal stellen, wie es wohl die Hardcore-Sammler machen werden, aber auf Dauer dürfte das ein teures Vergnügen darstellen. Wer stattdessen nur ein einziges Horrorlexikon erwerben will und die englische Sprache einigermassen beherrscht, der sollte zu Phil Hardys Overlook Film Encyclopedia: Horror greifen, welches in Grossbritannien auch unter dem Titel Aurum Film Encyclopedia: Horror erhältlich ist. Das Buch gehört zu einer Reihe von vier Nachschlagewerken, die sich alle jeweils einem einzigen Genre zuwenden und in ihrem Bereich als Referenzwerke gelten – die anderen drei widmen sich der Science Fiction, dem Western und dem Gangsterfilm.

Was dieses Buch von vergleichbaren Filmlexika unterscheidet, ist der hohe Anteil an nicht-englischen Produktionen. So geht es sowohl auf die italienischen Splatterstreifen ebenso ein wie auf spanische Monsterheuler und japanische Geistergeschichten. Insgesamt werden etwa 2000 Filme besprochen, bei einem Viertel aller Reviews gibt es zusätzlich ein Filmfoto. Ein kleines Manko der Overlook Film Encyclopedia: Horror ist, dass einige Horrorfilme, die auch Science Fiction-Elemente aufweisen, teilweise nicht berücksichtigt und stattdessen in der Overlook Film Encyclopedia: Science Fiction besprochen werden. Aus diesem Grund wird man hier Carpenters Das Ding und Russells Der Höllentrip vergeblich suchen, ebenso James Camerons Aliens... obwohl der erste Teil der Saga seinen Weg komischerweise in dieses Buch gefunden hat. Fast schon kleinlich wirkt dagegen das Fehlen von Cohens Wiege des Bösen, der meiner Meinung nach eher dem Horror als der SF zuzuordnen wäre. Auf der anderen Seite gibt es auch zahlreiche Überschneidungen, denn die ganze Palette der Frankenstein-Verfilmungen taucht sowohl in der Horror- als auch in der Science Fiction-Enzyklopädie auf. Besitzer beider Bände kann das freilich gleichgültig sein, aber angesichts des recht hohen Anschaffungspreises wäre es wohl nicht zuviel verlangt gewesen, auch die Genreverquickungen zu übernehmen.

Die Anordnung der Filme verläuft chronologisch – das Buch beginnt im Jahre 1896 und endet 1992, so dass es für eine Neuauflage allerhöchste Zeit wird! Wie bei der SF-Enzyklopädie gibt es bei jedem Jahrzehnt ein knappes Vorwort, dass auf die rasante Evolution des Horrorkinos eingeht. Die Einträge selbst sind nach Originaltiteln geordnet, was bei englischen und deutschen Filmen ja kein Problem darstellen sollte, aber bei Produktionen aus anderen Ländern muss man schon einen Blick in den Index werfen, um hinter den Originaltitel zu kommen. Wer weiss schon auf Anhieb, dass der Titel von José Mojica Marins´ The Strange World of Coffin Joe in Landessprache tatsächlich O Estranho Mundo de Zé do Caixao lautet? Neben ausführlichen Stabangaben werden sämtliche Alternativtitel aufgelistet, verschiedene Laufzeiten sowie die Produktionsfirma. Für die Reviews zeichnen sich neben Phil Hardy auch Tom Milne (Mamoulian), Kim Newman (Nightmare Movies: A Critical Guide to Contemporary Horror Films), Julian Petley (British Horror Cinema), Tim Pulleine (The British Cinema Book, Co-Autor) und Paul Willemen (The Encyclopedia of Indian Cinema) verantwortlich. Die Rezensionen beschränken sich nicht nur auf kurze Inhaltsangaben und zwei bewertenden Sätzen, sondern gehen besonders auf die Inszenierung (Technik, Effekte, Drehbuch) und Parallelen zu anderen Genrestreifen ein.

Ernsthafte Fans kommen an der Overlook Film Encyclopedia: Horror kaum vorbei. In Verbindung mit dem Science Fiction-Werk aus gleichem Hause hat man ein bislang unerreichtes Referenzwerk, welches nahezu komplett die Geschichte des Genrekinos beleuchtet und nicht nur Einsteigern ungemein viel Wissen vermittelt. Das Orakel für die Horrorgemeinde!

 
Phil Hardy
 
The Overlook Film
Encyclopedia: Horror
 
 
Format Paperback, 496 Seiten
Verlag Overlook Press
ISBN 0-87951-624-0
Erscheinungsdatum 1996
UVP 50 Dollar
 
nach oben
© Christian Lorenz
Alle Rechte vorbehalten.
Quick Links