Eine siebenköpfiges Fernsehteam unter der Leitung des Anthropologen Dr. Steven Cale reist mit einem Boot durch das bislang nur wenig erforschte Amazonasgebiet, um hier das "Volk des Nebels", einen legendenumwobenen Indianerstamm, aufzuspüren. Während der Fahrt lesen sie den Abenteurer Paul Sarone auf, dessen Kahn wegen einem Motorschaden fahruntüchtig geworden ist. Schon bald kann Sarone sich als nützlich erweisen, denn als Cale durch den Stich einer Riesenwespe in seinen Hals ins Koma fällt, kann er ihn durch einen gekonnten Luftröhrenschnitt vor dem sicheren Erstickungstod bewahren. Trotzdem entpuppt er sich im Lauf der Zeit immer mehr als recht unangenehmer Zeitgenosse, der es meisterhaft versteht, die Mitglieder der Crew gegeneinander aufzuhetzen. Die Stimmung unter den Reisenden sinkt von Minute zu Minute mehr, zumal der bewusstlose Expeditionsleiter dringend in ein Krankenhaus muss.

Sarone gibt vor, eine Abkürzung zur nächsten Siedlung zu kennen, wo Cale geholfen werden kann. Trotz einiger Bedenken lassen sich die anderen Reisenden auf den Vorschlag ein. Auf diese Weise lockt sie ihr zwielichtiger Passagier in einen abseits gelegenen Nebenarm des Amazonas... und mitten hinein in das Jagdgebiet einer zwölf Meter langen Anakonda! Erst jetzt lässt Sarone seine wahren Absichten erkennen: er ist ein fanatischer Trophäenjäger und ein eingefangenes Exemplar einer solchen Riesenschlange würden ihm eine satte Million Dollar auf´s Konto bringen. Dafür geht er sogar über Leichen - und benutzt die Fernsehleute als lebendige Köder...

Was in den Monsterfilmen der 50er Jahre deutlich erkennbare Reissverschlüsse an den Monsterkostümen waren (bestes Beispiel: Invasion vom Mars), sind in der Gegenwart lieblos hingepixelte Computerkreaturen, denen man ihre digitale Abstammung auch mit ungeübtem Auge ansehen kann. Bei einigen Filmen hat man deshalb bisweilen den Eindruck, windige Filmemacher hätten in den Mülltonnen von Star Wars-Schmiede "Industrial Light & Magic" gewühlt und dort vorgefundene Rohentwürfe in ihre Filme eingebaut. Gottseidank gibt es heutzutage auch digitale Papierkörbe...

Luis Llosa´s Schlangenhorror Anaconda ist so ein Fall. Auf der einen Seite bekommt man wirklich ausgezeichnete animatronische Kreaturen zu sehen, aber einige wenige computergenerierte Exemplare reichen aus, den ersten positiven Eindruck wieder zu schmälern. Wenn sich die CGI-Schlange durch Wasser windet und die Konturen ihres geschmeidigen Körpers eindeutig verraten, dass kurze Zeit zuvor ein Mensch auf dem Speiseplan stand, fällt es wirklich schwer, sich ein Lachen zu verkneifen. Die mechanischen Modelle in Anaconda sind dagegen sehr gut gelungen. Das bekannte Trickstudio "Steve Johnson´s XFX" kreierte mehr als zwei Dutzend animatronische Schlangen, die von eher "normaler" Körpergrösse waren. Für die zwei grössten Filmmodelle war Walt Conti zuständig, dem alleine für seine beiden Kreaturen unglaubliche zehn Millionen Dollar - ein Viertel des gesamten Filmbudgets - zur Verfügung standen! Das kleinere der beiden Modelle mass knapp acht Meter in der Länge und wog über 800 Kilogramm, das andere animatronische Modell brachte weit über eine Tonne auf die Waage, war zwölf Meter lang und bestand aus 140 einzeln steuerbaren Gelenken sowie insgesamt 65 Kilometern Kabel! Conti war auch der Schöpfer mechanischer Delfine für Flipper (1996) sowie künstlicher Wale für die Free Willy-Filme.

Bei der Vielzahl an Effekten hat es den Anschein, Regisseur Luis Llosa habe den Faden für die eigentliche Story irgendwo während der fünfwöchigen Drehphase im brasilianischen Regenwald verloren. Wenn gerade mal keine Anakonda die Abenteurer durch die Gegend scheucht, dümpelt der Film mit dummen Dialogen, schrecklichen Darstellerleistungen und vorhersehbaren Schlangenattacken vor sich hin. Ausserdem ist bemerkenswert, dass eigentlich jede Filmfigur aus noch so unglaubwürdigen Gründen ins die reptilienverseuchten Fluten des Amazonas springt oder hineinfällt. Hier waten die Drehbuchautoren wirklich knietief in den üblichen Horrorklischees, zu denen auch gehört, dass die Schlange im finalen Fight mehr Leben zu haben scheint wie eine Katze. Aus dem müden Feld der Schauspieler sticht einzig John Voight (Mission: Impossible) heraus, der seine Rolle als Bösewicht alles andere als ernst nimmt und derart übertrieben gestikuliert, dass er der Anakonda fast den Rang streitig macht. Neben Nachtigall Jennifer Lopez (The Cell) ist in einer Nebenrolle Rapper Ice Cube als Schlangenfrass zu sehen. Trotz des hohen Etats bleibt Anaconda ein trashiges, aber nicht unbedingt schlechtes B-Picture. Gerade die vielen Kunstfehler machen diesen Film nämlich zu einem echten Partyfilm... wo bekommt man sonst schon einen Wasserfall zu sehen, der "bergauf" läuft? Die Amerikaner mögen ganz ähnlich gedacht haben, denn Anaconda landete auf Platz 1 der Box-Office-Liste! Der Streifen wurde 1998 insgesamt sechsmal für die "Goldene Himbeere" nominiert, doch die Gurke Batman & Robin konnte die "begehrten" Preise in diesem Jahr fast alle einheimsen.

 
Anaconda
Anaconda
 
 
 
USA, 1997
90 Minuten, Farbe
 
 
Regie
Luis Llosa
Drehbuch
Hans Bauer
Jim Cash
 
Jack Epps jr.
Kamera
Bill Butler
Musik
Randy Edelman
Schnitt
Michael R. Miller
Effekte
Walt Conti
 
Steve Johnsons XFX
 
Edge Innovations
 
(Animatronische FX)
 
John Nelson
 
Sony Pictures Imageworks
 
(Visuelle Effekte)
Produktion
Verna Harrah
 
Leonard Rabinowitz
 
Carole Little
Ausf. Prod.
Susan Ruskin
Co-Prod.
Beau Marks
 
 
Jennifer Lopez
Terri Flores
Ice Cube
Danny Rich
Jon Voight
Paul Sarone
Eric Stoltz
Steven Cale
Jonathan Hyde
Warren Westridge
Owen Wilson
Gary Dixon
Kari Wuhrer
Denise Halberg
Vincent Castellanos
Mateo
Danny Trejo
Wilderer
   
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© Christian Lorenz
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