Mit einer schicksalhaften Hirschjagd beginnt im Jahre 1634 die Geschichte von Englands furchterregendstem Phantom, dem Gespenst von Canterville. Während die adlige Gesellschaft das Wild durchs Unterholz hetzt, vergnügt sich der junge Anthony de Canterville lieber mit Eleonore, der Verlobten von Sir Valentine Williams. Dieser erwischt die beiden Turteltauben natürlich im unpassendsten Augenblick. Wie es sich für Leute ihres Standes gehört, soll ein Duell über den zukünftigen Lebensgefährten Eleonores entscheiden. Anthony, durch einen „Jagdunfall“ leicht verletzt, überträgt die undankbare Aufgabe seinem Bruder Simon, der zwar gerne grosse Töne spuckt und sich über Sir Valentine lustig macht, auf dem anschliessenden Turnier jedoch die Beine in die Hand nimmt und sich in einem dunklen Kämmerlein des Schlosses verkrümelt. Simons Vater, der altehrwürdige Lord Canterville, sieht durch Simons feigen Rückzug die Familienehre verletzt und lässt diesen in seinem Versteck bei lebendigem Leib einmauern...

300 Jahre vergehen. Mrs. Polverdine, eine nette alte Dame, ist die neue Besitzerin des Schlosses und vermietet das noch immer ansehnliche Gebäude an eine Truppe amerikanischer Soldaten, die sich hier für ihren Kriegseinsatz vorbereiten wollen. Schon in der ersten Nacht machen die GIs Bekanntschaft mit Simon de Canterville, der nun als Geist des Hauses die Besucher in die Flucht schlagen will. Doch die Gäste zeigen sich gänzlich unbeeindruckt von dem gruseligen Schauspiel des Phantoms... schlimmer noch: mit Bettlaken und Gasmasken verkleidet jagen sie Simon selbst einen gehörigen Schrecken ein. Alle weiteren Unternehmungen Simons zeigen nicht die erhoffte Wirkung, so dass er sich zutiefst deprimiert in eine Kammer zurückzieht. Die kleine Jessica, eine der letzten Familienangehörigen der Cantervilles, läuft dem Geist hier über den Weg. Sie erfährt, dass der auf ihm lastende Fluch nur von einem Canterville gebrochen werden kann, der unter dem Einsatz des eigenen Lebens eine Heldentat vollbringt. Ausgerechnet der Soldat Cuffy Williams, der Hasenfuss der Truppe, entpuppt sich als ferner Verwandter und zeigt zunächst nicht allzuviel Interesse an einer Heldentat...

Oscar Wilde (Das Bildnis des Dorian Gray) veröffentlichte 1887 die Kurzgeschichte The Canterville Ghost, die von einem Gespenst handelte, welches von den neuen Besitzern „seines“ Schlosses, einer reichen amerikanischen Familie, nicht ernst genommen wird und daraufhin in eine Identitätskrise stürzt. Nur Virginia Otis, das Töchterchen der Familie, zeigt Mitgefühl mit dem unverstandenen Geist und kann ihn letztlich erlösen. 1944 inszenierte Jules Dassin (Topkapi) die erste von rund einem Dutzend Verfilmungen des Werkes, bei dem man jedoch mehr Wert auf Starbesetzung als auf Werktreue setzte. Die Rahmenhandlung (Amerikaner und Briten gegen Nazis) ist freilich eine zeitgerechte Interpretation der Filmemacher, kann aber leider nicht überzeugen, weil die kriegerischen Auseinandersetzungen nicht so recht zu der sonst recht harmlosen Comedy-Fantasy passen wollen. Immerhin ist es Dassin gelungen, die ironischen Seitenhiebe auf die speziellen Riten der Briten und der Amerikaner in den Film zu übertragen. So machen die GIs Bekanntschaft mit dem obligatorischen Fünf-Uhr-Tee, worauf der Chef der Truppe seine Männer zur Rücksichtnahme auf die „steifen britischen Rituale“ ermahnt...

Charles Laughton verkörpert Sir Simon de Canterville im lebendigen und spukenden Zustand und es ist eine wahre Freude, seinen raschen Sinneswandeln vom albernen Spassvogel zum in Selbstmitleid versinkenden Gespenst beizuwohnen. Als Quasimodo wirkte Laughton in der 1939 entstandenen Verfilmung des Victor-Hugo-Klassikers Der Glöckner von Notre Dame mit. Robert Young ist als GI Cuffy Williams zu sehen. Hierzulande ist er vor allem durch seine Auftritte in der Serie Dr. med. Marcus Welby bekannt geworden. Die dritte tragende Rolle im Film gehört dem zuckersüssen Kinderstar Margaret O´Brien, die hier als Gegenstück für die Figur der Virginia Otis der Literaturvorlage dient. Der schwedische Wrestler Tor Johnson, der durch seine Beteiligung an einigen Ed Wood-Gurken wie Plan 9 from Outer Space unter Kennern des Phantastischen Genres kein Unbekannter sein dürfte, bestreitet als Ritter einen kurzen Gastauftritt. Wer auf altmodische Fantasykomödie mit charmanten Trickeffekten und einigen Slapstick-Einlagen wie dem Ritt auf einer Bombe steht, der sollte sich Das Gespenst von Canterville nicht entgehen lassen.

 
Das Gespenst
von Canterville
The Canterville Ghost
 
 
 
USA, 1944
96 Minuten, schwarz/weiss
 
 
Regie
Jules Dassin
Drehbuch
Edwin Blum
Kamera
Robert H. Planck
Musik
George Bassman
Schnitt
Chester W. Schaeffer
Produktion
Arthur Field
 
 
Charles Laughton
Sir Simon
Robert Young
Cuffy Williams
Margaret O´Brien
Jessica
William Gargan
Sgt. Benson
Reginald Owen
Lord Canterville
Una O´Connor
Mrs. Umney
Donald Stuart
Sir Valentine
Rags Ragland
Big Harry
Elisabeth Risdon
Mrs. Polverdine
Frank Faylen
Lt. Kane
Lumsden Hare
Mr. Potts
William Moss
Hector
Bobby Readick
Eddie
William Tannen
Jordan
Peter Lawford
Sir Anthony
Tor Johnson
Sir Guy
   
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